Ein Gefühl von Weltschmerz, von Traurigkeit, von Verletzlichkeit.
Und trotzdem kein depressives Gefühl.
Und es kommt mir bekannt vor.
Ich bin traurig, aber ich bin ok. Und das gab es schon früher, es ist mir genauso vertraut wie das Depressivsein.
Was bedeutet: die Depression ist nicht immer schon und zu jeder Zeit dagewesen. Es gibt nicht nur depressiv und euphorisch.
Ich hatte das Gefühl vergessen. Es ist gut zu wissen, dass es das auch gibt.

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Die unsichere Filterbubble / keine Kraft für die große Empörung

Ich lebe in einer sehr engen Filterbubble, die mit jeder schlechten Erfahrung enger wird. Der Mechanismus ist einfach: nervt mich der Mensch, regen mich seine Meinungen auf, stören mich einige seine Themen, fliegt er einfach raus und am Ende bleiben nur noch Leute übrig die gut für mich sind, richtig?

Falsch. Am Ende bleiben hauptsächlich Leute übrig, die so sind wie ich. Die ähnliche Erfahrungen gemacht haben, mit ähnlichen Problemen kämpfen, ähnliche Meinungen, Interessen und Ängste haben.

Das ist nett, wenn ich mich einsam fühle. Und auf Dauer ein bisschen eng. Es schützt einerseits davor, Mist mitzukriegen, den ich grade eh nicht verarbeiten kann. Es gibt einfach zu viel Mist in der Welt, der mich auf unterschiedliche Weise fertig macht.

Aber andererseits hilft es meinen Problemen und Ängsten nur bedingt, wenn ich mich mit anderen umgebe, die die auch haben. Insbesondere schützt mich meine Bubble gar kein bisschen vor schlechten Erfahrungen mit Menschen, die ich mag. Denn: ich bin nicht gut mit Konflikten. Ich bin ziemlich empfindlich und ängstlich und wenn mich etwas an vergangene schlimme Erlebnisse erinnert, bin ich nicht mehr in der Lage ruhig und vernünftig einschätzen zu können, was hier grade passiert. Statt dessen schalte ich schnell in den Panikmodus, werde unverhältnismäßig wütend oder verzweifelt, nichts ist mehr sicher und die Leute, die ich eben noch mochte, wirken plötzlich unglaublich gefährlich. Unglücklicherweise ist es bei vielen Leuten in meiner bubble ähnlich. Und das, was passiert wenn zwei Leute sich eigentlich verstehen und zumindest ok finden, aber auch durch irgend einen Auslöser in so einen Modus umgeschaltet haben, und dann aufeinander los gehen, ist für mich ziemlich verheerend. Es macht mir Angst. Insbesondere weil ich doch gedacht hatte, mir eine safe Umgebung schaffen zu können, in der sich alle gegenseitig verstehen können. Aber wenn man sich erstmal bedroht fühlt und hochgespult hat, funktioniert das mit dem Verständnis erstmal nicht mehr. Meistens sehe ich nur zu. Selten bin ich auch mal beteiligt. Oft reißen sich die Leute gegenseitig mit und es fühlt sich alles wie Kampf an, wir gegen die, gut gegen böse. Meistens im Namen guter Prinzipien. Plötzlich positionieren sich alle irgendwie und wollen schlimmstenfalls noch, das ich das auch tue. Dabei will ich nur weglaufen. Ich ertrage das nicht, wenn reihenweise schlaue Leute in solche Vereinfachungen verfallen und sich gegenseitig so verletzen, so wenig vorsichtig miteinander umgehen. Ich komme schlecht damit klar, wenn Leute in so einem Modus sind und sich plötzlich für mich unberechenbar verhalten. Auch wenn ich sie mag, in dem Moment machen sie mir Angst und ich werde dann insgesamt vorsichtiger. Das Ergebnis ist immer, dass ich mich ein weiteres Stück zurückziehe.

Bildschirmfoto vom 2016-05-30 15:34:48

Das ist niemandens Schuld. Wir sind so, wie wir sind, weil die Welt so ist, wie sie ist.

Manchmal läuft es auch anders, und es lässt sich im Gespräch doch etwas klären. Das kann sehr schön und hoffnungsvoll sein.

Aber für mich ist das so oder so sehr kräftezehrend. Zu viele Gefühle, die verarbeitet werden wollen.

Insbesondere wenn ich selbst im Panikmodus bin, brauche ich Leute, die ruhig bleiben. Die die Lage noch einschätzen können und sogar damit leben können, wenn ich ihnen im Affekt Dinge unterstelle, die ihnen mindestens seltsam vorkommen. Für die sich ein Konflikt nicht jedes mal so bedrohlich anfühlt. Die nicht an unserer gesamten Beziehung bzw. an mir als ganzer Person  zweifeln, wenn ich einen schlechten Tag oder eine schlechte Woche habe oder wir uns grade einfach uneinig sind. Die genug Kraft für einen Vertrauensvorschuss haben.

Dass sie das können, auch wenn wir uns nicht super nah stehen, erfordert eine Menge Einfühlsamkeit und Reflexionsvermögen. Aber die Möglichkeit, nicht dauernd in den Panikmodus zu verfallen, korreliert eben auch mit gewissen Privilegien. Leute, die bessere Erfahrungen gemacht haben und ihre Lebensbedingungen besser selbst gestalten können, werden meistens nicht so schnell panisch. Und Leute, die mir vielleicht nicht ganz so ähnlich sind, sind bei anderen Themen anfällig und sind deswegen von meinen Auslösern nicht so betroffen. In Momenten kollektiver Aufregung bin ich echt froh über alle, die da ein bisschen drüber stehen und sich eher wundern als empören. Die mitdiskutieren können, ohne sich so krass mitziehen zu lassen. Und deren Analyse Verständnis für unterschiedliche Standpunkte einschließt. Das nicht unbedingt ein stabiles Merkmal von bestimmten Persönlichkeiten. Es hängt vielleicht nur an der Situation und wie viele Löffel jemand grade hat. Jedenfalls kann ich nach ein paar Jahren sagen, dass diese Form von Unsicherheit und Angst sich nicht durch eine bessere Filterbubble verhindern lässt.

Bildung.

Ich sehe, was ihr meint, wenn ihr sagt, dass „Nazis sind ja nur ungebildet“ klassistisch ist und an der Realität vorbei geht, in der rassistische Richter*innen von rassistischen Gewalttaten freisprechen und Rassist*innen in der Regierung rassistische Gesetze machen, um ihnen das zu erleichtern.

Ich wünsche mir trotzdem mehr, bessere Bildung, damit es weniger Nazis gibt und allgemein weniger Scheiße passiert. Damit meine ich nicht, dass alle studieren sollten oder dass unser Schulsystem besonders geeignet wäre, emanzipatorische Bewegungen hervorzubringen.

Zuerst muss man sich fragen: werden Leute einfach als Nazis und sonstige Arschlöcher geboren und andere nicht? Dann kann man nix machen, höchstens die Arschlöcher versuchen irgendwie loszuwerden.

Aber wahrscheinlich ist das ja nicht so. Vielleicht gibt es mehr oder weniger Potenzial, bessere oder schlechtere Bedingungen, unter denen ein Mensch so aufwächst, aber daraus ergeben sich keine zwangsläufigen politischen Positionen. Wenn Menschen aufwachsen, bringen sie bestimmte Voraussetzungen, Eigenschaften mit, sie werden an bestimmten Orten mit bestimmten Menschen groß, und durch alles, was sie erleben, lernen sie etwas über sich und die Welt. Und das, was sie lernen, beeinflusst wieder, wo sie hin gehen, mit wem sie reden, was für Erfahrungen sie machen und was sie daraus lernen.

Auf einem sehr abstrakten Level ist das alles auch schon Bildung. Die Menschen, die dich umgeben, die Umgebung in der du lebst, die Gesetze, die dort gelten, alles hat einen Einfluss auf dich als Person, es „bildet“ dich, deine Wahrnehmung, dein Denken und Fühlen. In einem engeren Sinn bezieht sich Bildung auf formale oder informelle Angebote, die Menschen anderen Menschen machen. Eine Flyer, ein Plakat, eine Zeitung, eine Stadtführung, ein Gesprächskreis, eine Selbsthilfegruppe, ein Kochkurs, ein Seminar, eine Schule. Es kommt nicht darauf an, wie institutionalisiert das Ganze ist. Die Gemeinsamkeit ist: Es gibt einen Rahmen, in dem Leute sich mit etwas beschäftigen und Erfahrungen machen (können), die sie sonst im Alltag nicht machen. Das hat ein emanzipatorisches Potenzial, es eröffnet neue Räume.

Im Idealfall schaffen es (politische) Bildungsangebote, Leute ernst zu nehmen und ihre eigenen Erfahrungen einbringen zu lassen. Sie auf verschiedenen Ebenen anzusprechen, also nicht nur Informationen anzubieten, sondern auch Erfahrungsmöglichkeiten, Sinneseindrücke, Kommunikation, Beziehungen. Und sie dabei mit anderen Perspektiven zu konfrontieren, Fragen zuzulassen, Diversität aufzuzeigen und Empathie zu fördern. Klingt utopisch, gibt es aber.

Wahrscheinlich haben viele der Leute, die als gebildet gelten, solche Bildungsangebote nicht oder kaum erlebt. Wahrscheinlich nützt es wenig, eine gute Erfahrung zu machen, wenn sie in einem Meer von ganz anderen Alltagserfahrungen untergeht. Wahrscheinlich brauchen manche Leute mehr davon und andere machen solche Erfahrungen sowieso selbst mehr in ihrem Leben. Aber genau deswegen sollte es eine gesellschaftliche Aufgabe sein, möglichst allen und möglichst früh, solche Angebote zugänglich zu machen. Staatlich organisiert oder nicht. Ich weiß sonst nicht viel, was helfen könnte.

Beziehungserwartungen II

Ich las grade diesen Artikel von Cathy Reisenwitz, der mich wiederum sehr an meinen früheren Post zu dem Thema erinnert.

Die Botschaft: Das Geheimnis glücklicher Beziehungen ist es, nichts zu erwarten oder von der anderen Person zu brauchen, Verantwortung für die eigenen Gefühle zu übernehmen, keine Angst zu haben und die Person hauptsächlich deshalb zu lieben, weil man es kann und sie glücklich machen will.

Ich glaube tatsächlich, dass das stimmt.

Unter bestimmten Voraussetzungen.

Der Haken daran ist nämlich, dass es in dieser Formulierung gilt für Menschen, die psychisch-emotional stabil sind und mit sich selbst und ihrem Leben klar kommen. Wie viele kennt ihr davon? Ich nicht so viele… Und die, die ich kenne, interessieren mich meistens nicht als potenzielle Partner*innen 😉

Ich würde es deswegen anders formulieren: nicht so ausschließlich, sondern als (gemeinsame?) Lernziele. In allen meinen Beziehungen will ich lernen, für meine eigenen Gefühle verantwortlich zu sein und nicht das Gegenüber verantwortlich zu machen. Wenn ich traurig bin, ist es nicht die Schuld der anderen Person, die gerade keine Zeit hat oder nicht (am besten wortlos) versteht, was ich brauche und entsprechend handelt. Ich will meine Traurigkeit dann erstmal als meine verstehen, die ich anderen vermitteln kann oder nicht, Aber ich entscheide, was das ist, was ich damit machen will. Zumindest will ich das lernen. Ich verstehe das als Theapieziel, oder auch als Erwachsenwerden. Wenn alle Beteiligten das wissen und auch wollen, lässt sich das super üben in intimen Beziehungen.

Ebenso: Erwartungen klein halten. Es ist so schön, wenn ich die geliebte Person als die Person sehen kann, die sie ist. Mit ihr mitfühlen kann, wie es ihr grade geht, mich freuen über das, was sie mit mir teilt und mir gibt und mit mir erlebt. Und es ist überhaupt nicht schön, wenn ich sie mit einem Idealbild in meinem Kopf vergleiche und ihr dann dauernd vorhalte, was sie alles besser machen müsste. Das ist mir wirklich oft begegnet: Menschen mit Checklisten von Kriterien, die ein*e Partner*in erfüllen muss. Die andere Leute daher nicht wirklich kennen lernen, sondern sie vor allem auf ihre Kompatibilität mit der Liste hin überprüfen – ich kann das nicht wirklich nachvollziehen. Was ich selbst schon erlebt habe, ist sehr needy auf Leute zuzugehen, mit einer Haltung von “Hallo ich bin so alleine, du musst jetzt mein Leben retten”. Beides ist nicht besonders attraktiv für andere und ihnen gegenüber auch einfach nicht fair. Ich will ja auch nicht als Lebensretterin oder anderes funktionalisiert werden, sondern als ich unperfektes selbst geliebt werden.

Die Momente, wo das geht, sind unglaublich toll. Wenn ich mich an einer Person erfreuen kann, einfach weil sie da ist und irgendwie halt so ist. Wenn es nicht mal besonders schlimm ist, dass daraus vielleicht gar keine engere Beziehung wird, weil es mir selbst so viel bringt und so Spaß macht, diese Person zu lieben. Das ist vielleicht das, was Cathy Reisenwitz auch gemeint hat.

Was ich aber noch gut lernen kann in so einer engen Beziehung, ist meine Gefühle, das Brauchen und die komischen Erwartungen erstmal zuzulassen und zu teilen, zusammen anzugucken. Und dann wieder ins Gedächtnis zu rufen, es sind meine. Di*er Liebste ist nicht dafür verantwortlich, sondern ich. Und mich freuen, wenn si*er mich verstehen oder trösten kann. Denn wenn das funktioniert, ist das nicht selbstverständlich, sondern sehr viel und sehr toll. Und wenn es nicht funktioniert, dann ist das eben grade so. Es ist kein Grund, die andere Person, mich, oder die Beziehung komplett in Frage zu stellen. Das muss ich mir immer wieder sagen.

Gut funktionieren kann es aber hauptsächlich dann, wenn ich mit mir selbst ähnlich umgehe. Mir auch nachsehe, wenn ich meine Bedürfnisse nicht gut erfüllen kann. Mich über mich selber freuen kann, so wie ich mich über geliebte andere freue. Aber trotzdem nicht erwarte, dass ich diese tollen Momente jederzeit reproduzieren kann. Die schönen Sachen sind nur schön, wenn ich sie so nehme wie sie kommen. Nicht wenn ich sie zum Standard mache, der jederzeit so sein muss.

Das bedeutet auch: Ich muss gar nicht mich selbst zuerst lieben, um wirklich andere lieben zu können, wie so oft gesagt wird – in die Richtung ging ja auch Cathy Reisenwitz. Das wäre auch echt viel vorausgesetzt.. Ich kann das beides zusammen lernen. Und ich kann sogar das mit mir selber klarkommen dadurch lernen, dass ich mit mir selber mehr so umgehe, wie ich das mit meinen Liebsten vielleicht schon eher kann.

Naivität

In einem bestimmten Sinne halte ich Naivität für eine der besten Eigenschaften, die Leute haben können.
Nämlich als das Gegenteil von Schubladendenken, Vorurteilen oder auch zynischem immer schon das schlimmste ahnen. Das, was Leute oft als Naivität schimpfen, ermöglicht es, Situationen, Menschen, Dinge oder Sachverhalte wahrnehmen zu können, ohne sofort ein angeblich sicheres Urteil darüber zu fällen und dann keine weiteren Fragen mehr zu stellen.
Diese Art von Naivität ist eine Grundkompetenz für Forscher_innen, der ich in der Wissenschaft leider selten begegne.
Regelrecht bewundernswert finde ich es aber, Leute mit ihren Quirks und Eigenheiten einfach hinnehmen zu können. Sie nicht innerlich einzusortieren,  zu maßregeln, zu überhöhen oder auszusortieren. Sondern einfach wahrzunehmen.

Vom Glauben an die Rationalität

Immer wieder begegnet mir die Idee, Gedanken wären etwas fundamental anderes als Gefühle und außerdem besser / sinnvoller / whatever. Es gibt zum Beispiel diese Vorstellung von den Gefühlen, die das Denken behindern. Von der reinen, kalten Rationalität, die die besseren Entscheidungen trifft. Menschen werden immer wieder aufgefordert, sich zum Beispiel bei professionellen Tätigkeiten nicht von ihren Gefühlen beeinflussen zu lassen. Oder sie entschuldigen sich im Fall einer “Fehlentscheidung” damit, dass ihnen das passiert sei.

Anhänger_innen der Idee von der reinen Rationaliät verachten Emotionalität. Zumindest halten sie diese für untergeordnet. Weil “unlogisch”.

1) Denken und Fühlen gehört zusammen

Das stimmt aber nicht. Gefühle sind nichts fundamental anderes als Gedanken. Sie sind überhaupt nicht voneinander abzugrenzen. Vielleicht sind sie sogar identisch.

Bei dem, was wir mit “Gefühl” oder “Gedanke” bezeichnen, handelt es sich in beiden Fällen um Gehirnaktivität. Gefühle sind nicht im Bauch und Gedanken im Kopf. Beides ist im Gehirn. Beides ist subjektiv. Beides hängt davon ab, wie Personen sozialisiert sind, welche Werte oder Überzeugungen sie haben, wovon sie geprägt sind. Und keines ist sinnvoller als das andere.

Selbst solche Dinge, die wir im Körper spüren, wie Schmerzen oder Berührungen, müssen erst im Gehirn interpretiert werden, damit wir sie als solche verstehen. Genauso kann der Kopf so etwas wie Schmerzen als Eindruck entstehen lassen, auch wenn es gar keine äußere oder körperliche Ursache gibt. Oder einen Impuls ausblenden, so dass wir zwar ein körperliches Problem haben, es aber nicht bewusst wahrnehmen.

Darin liegt wahrscheinlich der größte Unterschied in der Wahrnehmung von etwas als Gedanke im Gegensatz zum Gefühl: Es ist etwas Bewusstes, Ausformuliertes oder Ausformulierbares. Und hier wird es interessant: Was ist der Gedanke, bevor ich ihn formulieren kann? Oft kann ich nämlich nicht ganz genau sagen, warum ich eine bestimmte Entscheidung jetzt richtig finde. Es ist mehr ein Gefühl und erst nach längerer Beschäftigung damit kann ich sagen, was die Gründe dafür sind. Die Gründe waren mir zuerst nicht so bewusst, vielleicht werden sie es auch nie alle. Eine Rolle gespielt haben sie bei der Entscheidung aber trotzdem. Und ehrlich: Wer kann denn schon bis ins letzte Detail eigenes Verhalten oder Argumentationen schlüssig begründen, selbst wenn si*er die für ganz rational hält?

Es gibt Gedanken so wie Gefühle, derer ich mir bewusst oder unbewusst bin. Und bewusste, ausformulierte  Gedanken, die eigentlich mehr Gefühle sind, zum Beispiel “Das schaff ich nie.”

Gefühle sind jedenfalls schneller als Gedanken – oft erfassen wir eine Situation emotional-intuitiv und reagieren passend, bevor wir überhaupt dazu gekommen wären, darüber nachzudenken. Oder sind das halt schnelle, unbewusste Gedanken?

Es kommt auch vor, das ich morgens über ein Problem grübele, es dann den Tag über “vergesse” und in dem Moment, wo ich abends mein Büro abschließe, zum Bus gehe und mich wieder etwas entspanne, mir lauter gute Ideen zu dem Problem von heute morgen kommen. Obwohl ich gar nicht mehr bewusst darüber nachgedacht habe. Ich habe es nicht gemerkt, aber mein Gehirn hat an dem Problem festgehalten und weitergearbeitet. Ist das jetzt das, was wir unter Denken oder Rationalität verstehen? Eigentlich nicht, oder? Aber reines Gefühl ist es auch nicht.

Damit ich gute bewusste Gedanken fassen kann, ist es außerdem wichtig, dass ich zu der Fragestellung auch irgendwie eine gute Beziehung habe oder eine aufbauen kann. Richtig gut denken kann ich auch nur zu Themen, an denen ich ein Interesse habe, an denen ich zumindest etwas finden kann, mit dem ich mich identifiziere, oder die einfach Spaß machen. Gute Gedanken mit schlechten Gefühlen sind dagegen nicht so gut möglich – weshalb Lernen unter Druck und Angst meistens nicht gut funktioniert. Vielleicht geht es noch, sich kurzfristig was reinzupfeifen (und zur Klausur wieder auszuspucken) aber langfristig ist das schnell wieder weg. Das ist auch so, wenn der Kontext oder ein eigener Bezug zu der Sache fehlt, wodurch oft so etwas wie Vokabeln oder Jahreszahlen lernen nur als frustrierend empfunden wird und auch einfach nichts hängen bleibt. Andersrum funktioniert das auch: In einem entspannten Kontext, wenn ich nicht grade dringende andere Sorgen habe, womöglich noch zusammen mit geschätzten Menschen, die das Thema auch interessiert, kommen mir viel schneller mehr Ideen, die mir dann auch mehr Spaß machen, als wenn ich in meinem grauen Büro sitze und verzweifelt versuche, schnell etwas schlaues zu schreiben.

Und dann gibts da noch unterschiedliche Zugänge: Ja, ich kann eine Sprache lernen, indem ich Grammatikregeln bewusst verstehe, die Bedeutung von Wörtern auswendig lerne und die Wörter dann nach den Grammatikregeln aneinanderreihe. Das ist aber ziemlich mühselig. Selbst im Französisch-Unterricht in der Schule lernen wir einen großen Teil eben doch anders, durch kreativen Umgang, durch trial and error, durch Kommunikation. Ich kann eine Sprache nämlich auch lernen, indem ich versuche, mit Leuten zu kommunizieren oder ihnen auch einfach zuhöre. Babys und kleine Kinder lernen Sprachen immer so, und das sehr effektiv. In unseren Muttersprachen können wir daher selten formulieren, warum die eine Form korrekt ist und die andere nicht. Wir haben es eben im Gefühl und das Gefühl funktioniert meistens besser als Erklärungsversuche. Und das ist nicht nur mit Sprachen so. Die meisten Sachen haben wir schon nur so halb bewusst gelernt und wenn wir sie hinterher gut können und dann vollständig erklären wollten, wie man zum Beispiel auf den Fingern pfeift, das Bad putzt, diverse Maschinen bedient oder eine Abrechnung macht, ist das viel schwieriger, als die Tätigkeit selbst.

Und was ist überhaupt eine Idee? Bevor ich die formulieren kann, ist etwas Spannendes, Hilfreiches, was mir einfällt, meistens erstmal ein gutes Gefühl, zu dem mir dann langsam Begründungen bewusst werden. Ich könnte nicht sagen, wo da die Grenze ist.

Nach allem, was ich weiß und erlebe, kommt mir die Idee von einer überlegenen, abstrakten oder irgendwie weltanschaulich neutralen Rationalität ziemlich absurd vor. Wenn Menschen denken oder fühlen, tun sie das nun mal als subjektive Individuen mit einem bestimmten Hintergrund, mit eigenen Bedürfnissen, Interessen oder Überzeugungen. Wenn ich nachvollziehen will, was eine andere Person sagt, denkt oder tut, muss ich immer ein Stück weit auch diese Person verstehen.

2) männliche Gedanken – weibliche Gefühle?

Warum aber Gefühle als etwas fundamental anderes und etwas schlechteres wahrgenommen werden als Gedanken, hat auch viel mit dem Patriarchat zu tun. Die Trennung Mann – Frau wurde und wird identifiziert mit der Trennung Geist – Körper und der Trennung Rationalität – Emotionalität. Mithu Sanyal erklärt das in dem Vulva-Buch ganz gut, ich bin da kulturgeschichtlich nicht so bewandert, aber es leuchtet mir sofort ein, weil es zu meiner Alltagserfahrung passt. Gefühle werden abgewertet, wie Frauen abgewertet werden und als etwas fundamental anderes konstruiert. Das hat etwas Irrationales 😉 Es erklärt zugleich aber auch, warum der Unterschied immer noch von vielen so hoch gehalten wird. Es hat etwas mit Identifikation zu tun, mit dem eigenen Selbstbild und der Verortung in der Gesellschaft. Das verlässt die Ebene Gedanken/ Gefühle und gehört zu den dahinter liegenden Überzeugungen. Die Art, wie der angebliche Unterschied hochgehalten wird, hat für mich oft etwas religiöses, dogmatisches. Darüber lässt sich dann schlecht diskutieren.

3) Warum manche Gefühl-Gedanken trotzdem unvernünftig sind

Ich halte Gefühle jedenfalls nicht für etwas anderes, Untergeordnetes, sondern für einen sehr wichtigen Teil meiner Denkprozesse. Sie zeigen mir an, wo ich Vertrauen habe oder wo ich Probleme erwarte oder ob jetzt grade ein guter Zeitpunkt für das an sich gute Vorhaben ist. Und das nicht einfach so, sondern weil sie auf Erfahrungswissen gründen. Ich kann versuchen, das Gefühl zu fomulieren und die impliziten Begründungen zu finden und dabei eine Menge über die Fragestellung lernen, um die es geht. Und nebenbei auch überprüfen, wo da vielleicht doch her nicht so sinnvolle Vorurteile o.ä. eine Rolle spielen. Welche Überzeugungen mit rein spielen könnten. Ich muss dabei auch auseinanderhalten, ob es sich bei etwas zum Beispiel um eine Behauptung oder eine voraussetzungsvollere Analyse handelt. Aber auch dabei hilft mir erstmal das Gefühl.

Nachdem wir das klargestellt haben: Ich verstehe trotzdem auch, was Leute meinen, wenn sie sagen, dass die Emotionalität das Denken behindert. Oder fordern, dass andere sich rationaler verhalten sollen. Ich würde dafür allerdings einen anderen Begriff wählen. Vernünftig gefällt mir zum Beispiel besser. Das hat was von Ruhe bewahren, erstmal durchatmen, abwägen. Oder das englische sane, mangels einer guten Übersetzung. Ich glaube, dass es Gefühle gibt, die für das Verstehen der Welt hinderlich sind. Ich habe als Erwachsene eine Menge Gefühle, die aus meinem Prozess vom Entdecken und  Verstehen der Welt um mich herum entstanden sind und die für diesen Prozess weiterhin nützlich sind. Aber ich habe auch eine Menge Kurzschlussgefühle und -gedanken, die alt und tief verwurzelt sind, und aus Situationen kommen, wo ich die Welt nicht so gut verstanden habe, keine Lösungen in Sicht waren, und ich daher auf Notlösungen zurückgreifen musste. Siehe auch hier. Daraus entstehen Gefühle, die immer wieder neu und immer wieder gleich auftreten und die sich bei genauerem Hinsehen nicht durch die aktuelle Situation erklären lassen. Plötzliche unbändige Wut im Straßenverkehr zum Beispiel. Oder schreckliche Angst vor einer Situation auf der Arbeit. Warum? Die kann mir persönlich eigentlich gar nicht so viel anhaben, wie es mir in dem Moment vorkommt. In solchen Situationen widerspricht das Gefühl einem Teil von meinem Wissen und verhindert unter Umständen, die Situation klar zu sehen und so zu handeln, wie ich es etwa einer anderen Person in der gleichen Lage raten würde. Aber: Dabei geht es nicht um Gefühle allgemein. Es sind bestimmte Gefühle, die alle Menschen haben, die aus bestimmten Gründen meistens vor langer Zeit entstanden sind und immer wieder herbei getriggert werden können. Es sind Gefühle, die lügen. Und eben nicht nur Gefühle. Sie kommen mit diesen Sätzen, die einfach nicht hilfreich sind. Die Sätze enthalten oft Wörter wie “nie” und “immer” und werden in Beziehungsstreitigkeiten auch gerne gegen andere gerichtet.

Diese bestimmte Klasse von Gefühl-Gedanken stört – auch nicht immer – bei vernünftigem Handeln. Es ist nützlich, sie kennenzulernen und identifizieren zu können. Damit umgehen zu lernen.

Nicht nützlich ist, aus dieser Erfahrung zu schließen, dass Gefühle an sich irrational und hinderlich wären, oder (sehr männlich..) “beherrscht” werden müssen. Gefühle verstehen hat mich jedenfalls deutlich weiter gebracht als alle Beherrschungsversuche.

Adventures in therapy

Am meisten geholfen hat mir die Sache mit dem inneren Kind.

Ich bin, zum Beispiel auch mit der Ex-Therapeutin, häufig an den Punkt gekommen, dass ich irgendwie verstanden habe, dass mein komisches Verhalten oder die unangenehmen, schlimmen Gefühle irgendwo aus der Vergangenheit kommen. Dass ich mich so verhalte, wie damals, als ich meiner Mutter peinlich war. Als mein Vater versucht hat meinen Willen zu brechen. Als ich mit Dingen noch nicht umgehen konnte und die Erwachsenen mir nicht geholfen haben, sondern entrüstet waren, dass ich ihnen meine toplatschigen Versuche zugemutet habe, irgendwas Sinnvolles aus der Situation zu machen.

Aber das hat mich oft noch schlechter fühlen lassen. Nun weiß ich schon, woher das kommt und dass das heute gar nicht mehr so berechtigt ist, und fühle mich immer noch so ausgeliefert und machtlos wie als kleines Kind. Soll angeblich erwachsen sein und kann überhaupt nicht so handeln. Das Problem nicht lösen. Ich dachte, jetzt fühl ich mich so scheiße und bin auch noch selber Schuld. Weil die Leute, die jetzt heute diese Gefühle auslösen sind ja nicht so richtig Schuld. Es kommt aus mir selber. Meinen inneren Stimmen, meinen Ansprüchen an mich selbst, meiner Unfähigkeit, da irgendwie drüber zu stehen und so zu handeln wie ich es mit mehr Abstand vernünftig fände oder von besseren Menschen erwarten würde.

Aber dann kam diese tolle Therapeutin, die aus irgend einem Grund mit mir umgehen konnte. Und es hat länger gedauert, aber ich habe mit ihr doch noch den Unterschied verstanden. Ja, ich fühle mich so wie als kleines Kind.

Aber das Gefühl lügt.

Ich bin nicht mehr in dieser Situation von früher. Und ich bin nicht mehr so ausgeliefert. Dieser andere Mensch, der mir hier gegenüber steht, ist keiner, der mich versorgen und mit mir Leben muss, auf den ich ziemlich komplett angewiesen bin.

Ich bin jetzt dieser Mensch, der mit mir leben und mich versorgen muss und auf den ich angewiesen bin und das ist viel besser. Weil im Vergleich zu diesen anderen Menschen von früher, verstehe ich mich. Kriege ich mit, wenn es mir schlecht geht, ich was brauche, ich überfordert bin. Ich kann mir überlegen, was dieses kleine Kind, was grade mit diesen schlimmen Gefühlen kämpft, wohl brauchen könnte. Und dann kann ich ihm das geben. Ich kann das verstörte, wütende, traurige Kind in mir drin wahrnehmen und ich kann mich kümmern, viel viel besser als sich andere damals gekümmert haben. Ich kann mit ihm aus der Situation raus gehen, ihm einen Kakao machen (oder auch einen Kaffee, schließlich ist ja immerhin mein Körper erwachsen jetzt) und erstmal durchatmen. Oder mit ihm auf den Spielplatz gehen, mich mit ihm auf die Schaukel setzen und ihm sagen, dass es ok ist. Dass es nicht in Gefahr ist jetzt. Dass sich das grade schlimm anfühlt, aber dass ihm eigentlich grade gar nichts ganz ganz Schlimmes passieren kann. Dass diese andere Person wahrscheinlich auch grade überfordert ist, weil sie sich so schwierig verhält. Oder mit ihm ganz schnell rennen, um dem Gefühl zu entkommen oder ihm Raum zu geben oder irgendwie beides gleichzeitig. Oder jemanden umarmen oder alleine kuscheln gehen. Was dem Kind halt grade gut tut. Das ist schön.

Ja klar, geht nicht immer. Manchmal bin ich dem Gefühl doch ausgeliefert und merk überhauptp nix. Zumindest für eine ganze Weile. Geschenkt. Aber besser als noch klein sein und sich nie wirklich selber kümmern können, ist das mit dem Erwachsensein eben schon.